Eine Vernunftsache
„Plötzlich… auf der Erde“ · emma-theater Osnabrück · 30. April 2017, 15:00 Uhr
Das aus Sitzmöbeln bestehende Raumschiff düst durch die Weiten des Weltalls. Darin befindet sich ein Alien, was leicht an den knallgrünen Gummistiefeln und der knallgrünen Mütze zu erkennen ist. Das Alien hat einen Auftrag: Es wurde ausgesandt, um zu lernen, was vernünftig ist. Damit soll es seinem Planeten helfen. Das Alien hat außerdem ein Problem: Der Antrieb des Raumschiffs stottert gewaltig, und für eine Notlandung kommt lediglich der dritte Planet eines Sterns namens Sonne infrage.
So abenteuerlich beginnt „Plötzlich… auf der Erde“, ein etwa einstündiges Stück der Theatermäuse unter der Leitung von Marie-Louise Tralle, die zudem die zahlreichen Gesangseinlagen des Stücks auf dem Klavier begleitet. Die Theatermäuse sind ein Projekt des Theaters Osnabrück, in dem Kinder eigene Theaterproduktionen entwickeln und aufführen. „Plötzlich… auf der Erde“ ist also auch ein persönliches Stück der jungen Schauspieler.
Die Inszenierung folgt dem Weg des Aliens auf seiner Suche nach der Bedeutung von Vernunft. Es wird von Kindern unterstützt, die auch selbst auf verschiedene Weise versuchen, ihm eine Antwort zu geben. Die einzelnen Szenen werden von den Kindern ausgespielt. Die meisten Rollen (inklusive der des Aliens) werden vom etwa 15-20 Personen großen Ensemble (Teilnehmer ab 8 Jahren) wechselnd besetzt. Alle Schauspieler tragen weiße T-Shirts, spezielle Rollen wie die des Aliens werden durch dezente Kostümierung (Gummistiefel, Mütze, Brille, Schal, …) hervorgehoben. Der Ablauf funktioniert professionell.
Gerahmt werden die einzelnen Szenen von Tagebucheinträgen des Aliens, in denen es seine Erlebnisse verarbeitet und kommentiert, und von musikalischen Einlagen, in denen sich zumeist der gesamte Cast in einer Reihe vor den Zuschauern aufstellt und – begleitet von Klavier und manchmal Geige – verschiedene Lieder singt. Von Die Prinzen bis Markus geht es dabei durch so einige eingängige und bekannte Melodien, die storybezogen umgetextet wurden. So ist es beispielsweise an einer Stelle nicht der Maserati, der 210 fährt, sondern bloß ein – ungleich vernünftigerer – Mercedes.
Das wichtigste Musikstück, das während der Aufführung mehrfach wiederholt wird und am Ende auch einen der Schlusspunkte bildet, persifliert auf witzige Weise das Thema der Aufführung. Dort heißt es: „Vernünftig-Sein ist echt der letzte Dreck!“
Ein weiteres musikalisches Highlight der unbekannten Art ist die Schlussszene, in der inhaltlich die Problematik, mit der sich das Alien als Besucher auf der Erde konfrontiert sieht, umgekehrt und auf den Zuschauer übertragen wird.
Das Bühnenbild ist dezent und (auch durch die Räumlichkeiten des emma-theaters bedingt) offen gestaltet und nur nach hinten von einer Leinwand begrenzt, auf die zu verschiedenen Zeitpunkten in der Handlung vorkommende Gegenstände (etwa Besteck beim Essen) als schematische, krepppapierartige Bilder projiziert werden. Das unterstützt das Spiel visuell, sorgt für zusätzliche Aktivität auf der Bühne und rahmt und reduziert den großen Raum für die kleinen Akteure.
Von der Handlung sei nicht zu viel verraten, aber es gilt so einige Abenteuer zu bestehen, in denen die Kinder versuchen, dem außerirdischen Besucher beizubringen, was vernünftig ist und was nicht. Das läuft natürlich nicht immer ganz reibungslos ab. Vernünftig ist etwa, bei Rot an der Ampel zu warten und das zu tun, was andere einem sagen. So vom Prinzip her jedenfalls, denn wenn statt leckerer Spaghetti öde Kartoffelsuppe auf dem Mittagstisch steht, entwickeln auch die Erdenkinder so ihre Zweifel, ob wirklich alles gegessen werden muss, was auf den Tisch kommt.
In den einzelnen Szenen bestätigt das Stück in den Grundzügen einen an gesellschaftlichen Vereinbarungen orientierten und regelkonformen Vernunftbegriff, widerspricht dabei aber jedem zu weit erhobenen moralischen Zeigefinger. Es propagiert einen gesunden Menschen-Verstand, der sich durch eine unerwachsene und manchmal entwaffnend klare Intuitivität auszeichnet. Das ist für das Alien, das keine Erfahrung mit den Gepflogenheiten der Spezies Mensch hat, nicht immer so ganz schlüssig. Es soll kein Auto fahren dürfen, weil es keinen Führerschein besitzt? Ergibt das Sinn, wenn so ein Raumschiff doch erheblich schwieriger zu steuern ist?
„Plötzlich… auf der Erde“ ist unterschwellig durchwoben von der Frage, wie sich einzelne Personen zu einer Gesellschaft zusammenfügen und mit welchen Vereinbarungen sie als Teil des Ganzen ihr Zusammenleben organisieren. Dabei ist nicht immer eindeutig beantwortbar, welche Normen und Regeln warum als „vernünftig“ gelten, denn häufig sind es Konventionen, die auch in ihrer Sinnhaftigkeit erst mal erlernt und verstanden werden müssen – und dabei sicherlich auch hinterfragt werden dürfen. Die Figur des Aliens verdeutlicht diesen Prozess und steht in dieser Hinsicht stellvertretend für die Erfahrungen, die insbesondere junge Erdenbewohner auf ihrem Weg machen.
Sicherlich ist „Plötzlich… auf der Erde“ in erster Linie ein Stück von Kindern für Kinder, in dem es zentral um den Spaß und die Freude am Spiel und an der Theaterarbeit und an Gesang und Musik und um Komik geht. Es erzählt auf humorvolle Weise eine Geschichte, die erheitern soll und bei der auch die Erfahrung, eine solche Produktion auf die Beine zu stellen, ein Ziel ist. Das Stück ist nicht vordergründig philosophisch angelegt und fordert keine tiefergehende Interpretation.
Dennoch eröffnet die Wahl des Themas, das im Spiel vorgestellt und herausgearbeitet wird und das natürlich ebenso zentraler Bestandteil ist, einen weiten Raum für Reflexionen, was auch älteren Zuschauern eine weitere Form des Zugangs zum Stück anbietet. Die Frage nach der Vernunft ist letztlich zeitlos, generationenübergreifend und fast tagesaktuell.
In einer Szene ganz zu Beginn trifft das Alien auf zwei Menschenkinder. Es entwickelt sich sinngemäß folgender Dialog: „Wer bist denn du?“ – „Ich bin ein Alien.“ – „Ach so, na dann komm mal mit.“
Es kann so einfach sein.